Thomas Eggensperger OP referiert über "Verunsicherung"

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[24.11.2019] Zwei Themen standen bei der diesjährigen Veranstaltung zum Katharinentag in Kranenburg (Niederrhein) besonders im Fokus des Interesses: das „Ich“ und die „Verunsicherung“. Unter dem Motto „Standard war gestern?!“ referierten am 22. November 2019 im Museum Katharinenhof in Kranenburg der Theologe und Religionsphilosoph Prof. Dr. Hans-Joachim Höhn von der Universität Köln sowie Prof. Dr. Thomas Eggensperger OP,  M.A., Theologe, Sozialethiker und Sozialwissenschaftler vom Institut M.-Dominique Chenu Berlin und der Phil.-Theol. Hochschule Münster.

Was bedeutet Identität? Wie tragfähig können gemeinschaftliche Strukturen in Familien, Vereinen, Kirche, Gesellschaft noch sein? Und wie ist der zunehmenden Verunsicherung zu begegnen, die die Suche nach Wahrheit und die Entscheidungsfindung begleitet? Diese und andere Fragen wurden im Rahmen einer Veranstaltung zum Gedenken an die hl. Katharina (25. November) debattiert, die grenzüberschreitend vom Kreisbildungswerk Kleve (Deutschland) in Zusammenarbeit mit dem Titus Brandsma Institut an der Radboud Universität Nimwegen (Niederlande) gemeinsam organisiert wurde. 

Eggensperger fokussierte in seinem Vortrag auf folgende Dimensionen des Themas "Verunsicherung": Der Wahrheit und Souveränität korrelieren Unsicherheit und Verunsicherung. Einerseits gibt es Überzeugungen und das gesunde Selbstbewusstsein, bestimmte Positionen zu vertreten. Andererseits wirkt das personale und soziale Umfeld dergestalt, dass Ratlosigkeit und Beklommenheit herrscht und unklar ist, wie die Situation zu bewerten ist. In der rationalen menschlichen Handlung spielt es durchaus eine Rolle, mit welcher Sachlage man konfrontiert ist, weil diese die Entscheidung beeinflusst. Diese Korrelation ist nicht nur die Sache von Individuen, sondern sie zeichnet sich auch im Gesellschaftlichen ab. Nicht nur der/die Einzelne im mikrosoziologischen Bereich kann souverän resp. verunsichert sein, sondern auch Gruppen oder Gesellschaften auf makrosoziologischer Ebene verhalten sich sicher oder verunsichert.

 

Ankündigung der Veranstaltung bei RP ONLINE (12.11.2019) >> 

Website des KBW Kleve >> 

 

 

 

 

 

Interview: Ulrich Engel OP über Sprache und Macht in der Kirche

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[19.11.2019] Die Sprache der Kirche zementiere überkommene Machtstrukturen, die heute nicht mehr vermittelbar seien, sagt Prof. Dr. Ulrich Engel OP im katholisch.de-Interview. Diese Sprache könne auch Missbrauch begünstigen. Deshalb fordert er einschneidende Änderungen. Engel ist Professor für Philosophisch-theologische Grenzfragen an der PTH Münster und leitet zusammen mit einem Mitbruder das von seinem Orden getragene philosophisch-theologische Forschungszentrum Institut M.-Dominique Chenu in Berlin. Im Zuge seiner Arbeit hat er sich auch mit Sprache und Kommunikationsstrukturen der Kirche auseinandergesetzt. Auf beiden Ebenen habe sie bereits Macht missbraucht, findet er.

(…)

Frage: Herr Engel, wie ist in der Kirche durch Kommunikation Macht missbraucht worden?

Engel: Für unsere Kommunikation brauchen wir Sprache. Immer da, wo wir Sprache verwenden, werden auch Machtverhältnisse mittransportiert. Ein Beispiel: Wir benutzen in der Kirche ganz selbstverständlich das Wort "Pastoral", wir kennen den "Pastor", den Hirten – ein biblisches Bild. Aber da, wo wir diese Begriffe benutzen, schwingt auch die Pastoralmacht mit. Es gibt Abhängigkeits- und Unterwerfungsverhältnisse. Wenn sich jemand freiwillig unterwirft, kann das positiv sein, weil dieser Akt auf Erfahrungen und Entscheidungen beruht. Es kann aber auch sein, dass solche Verhältnisse aufgrund von Strukturen unfrei sind. Die Rede vom "Hirten" und der "Herde" ist nicht unschuldig. Dieses Sprachbild kann auch missbraucht werden. Das heißt nicht, dass wir jedes Mal Missbrauch betreiben, wenn wir von "Pastor" und "Pastoral" reden. Aber es ist ein naheliegendes Beispiel, wie unsere Sprache, unsere Kommunikation mit potentiellem Missbrauch verknüpft ist.

(…)

Frage: Ist diese Reform der Sprache und der Kommunikationsstrukturen überhaupt denkbar?

Engel: Sprache und Leben hängen ganz wesentlich zusammen. Wenn wir keine gendergerechte Sprache finden, werden wir auch keine gendergerechten Partizipationsformen finden. Und vice versa. Ich bin fest davon überzeugt: Wenn man etwas ändern wollte, könnte man das tun. Es soll niemand sagen, in der katholischen Kirche könne es wegen ihrer hierarchischen Verfassung keine demokratischen Elemente geben! Ich bin Mitglied des Dominikanerordens. Seit 803 Jahren haben die Predigerbrüder eine kirchlich anerkannte demokratische Verfassung, wo alle Ämter von allen Ordensmitgliedern auf Zeit gewählt werden. Warum soll das nicht auf die gesamte Kirche übertragbar sein? Ich sehe keinen Grund, warum nicht alle Getauften als Gleiche unter Gleichen mitentscheiden sollen. Und um das Gegenargument sofort zu entkräften: Demokratisch verfasste Partizipation und Gehorsam müssen sich nicht notwendigerweise ausschließen. Denn wir haben in der Kirche nicht zuerst Bischöfen oder sonstigen Oberen gehorsam zu sein, sondern zuerst und vor allem Gott!

 

Das ganze Interview auf der Website von katholisch.de >> 

 

 

 

 

 

 

4/2019: "Befreiungstheologien. Fortschreibungen"

Abbildung: www.wort-und-antwort.de

[10.08.2019] Was vorkonziliar mit Aktivisten wie dem (stark von Dominikanern beeinflussten) kolumbianischen Priester und Guerillero Camillo Torres (1929-1966) begann und mit dem „Katakombenpakt“ 1965 erstmals einen Teil der katholischen Hierarchie herausforderte, wurde mit der Neubestimmung des Kirche-Welt-Verhältnis im Vaticanum II auf eine kirchlich breite Basis gestellt: die Option für die Armen. Die erste Reise eines Papstes nach Lateinamerika 1968, die zweite Vollversammlung des Lateinamerikanischen Bischofsrates (CELAM) in Medellín, Kolumbien, im selben Jahr, die von Gustavo Gutiérrez 1971 vorgelegte Publikation „Teología de la liberación“, die zum namensgebenden Referenzwerk werden sollte – all diese Ereignisse markieren den Weg, welchen der Ansatz einer befreienden Theologie genommen hat. Zugleich mussten sich die Vertreter*innen der Befreiungstheologie vieler Widerstände seitens der kirchlichen Hierarchie erwehren; erinnert sei an die zweifache Verurteilungen der Theologie der Befreiung durch den Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Josef Ratzinger, 1984 und 1986, an die römischen Maßregelungen einzelner Theologen wie z. B. die des Brasilianers Leonardo Boff OFM 1985 und 1991 und die ganzer Gruppen. 

Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach diesen Ereignissen, ist es kaum noch möglich, von befreiender Theologie im Singular zu sprechen: Befreiungstheologien aus Asien, Afrika und dem Nahen Osten werden auch in Europa mehr und mehr wahrgenommen. Zugleich zeigt sich in diesen eine Erweiterung des ehemals römisch-katholischen Charakters der Theologie der Befreiung auf protestantische Kirchen hin. Neben solchen regional ausdifferenzierten Theologien wären weitere Ansätze wie die „Theologie des Volkes“ (von der sich Papst Franziskus maßgeblich geprägt zeigt), die U.S. Latino/a Theology (auch U.S. Hispanic Theology genannt) oder postkoloniale Theologien zu behandeln.

Angesichts des alles beherrschenden globalen Neoliberalismus’ ist die Rede von einem befreienden Gott heute mehr denn je herausgefordert. Das neue „Wort und Antwort“-Heft stellt sich dieser Aufgabe.

 

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Lehrveranstaltungen WS 2019/20


PTH Münster
• HS (M19): Politische Philosophie und die "Neue Rechte" (Engel) >>
 
Universität Potsdam
HS: Orden - eine zeitgemäße Lebensform? (Eggensperger / Engel) >>
 
KU Eichstätt-Ingolstadt
VL/Ü: Kirche und Stadt. Sozialethische Erwägungen (Eggensperger) >>
 
Universität Hannover
Seminar: Gott und Wahrheitsfrage. Zu Michel Foucault (Eggensperger) >>
 
Universität Vechta
• VL: Ethik der Nachhaltigkeit: Wirtschaftsethik (Eggensperger) >>
• Seminar: Glaube und Moderne - Kirche und Stadt (Eggensperger) >>
 
Universität Innsbruck
• Diverse Lehrveranstaltungen (Bauer) >>
 
 
 

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